Otto Nicolai - Ehrung 2010
Otto Nicolai - Ehrung 2010
Der Name Otto Nicolais ist praktisch synonym mit dessen 1849 uraufgeführten Oper Die lustigen Weiber von Windsor. Weniger bekannt ist, daß Nicolai auch mehrere italienische Opern geschrieben hat, von denen Il Templario (Turin 1840) nach damaligen Maßstäben einen Welterfolg darstellte und sich für mehr als 25 Jahre im internationalen Repertoire hielt.
Daß Nicolais italienische Opern heutzutage so unbekannt sind, verdankt sich dem Umstand, daß deren Partituren lange Zeit als verschollen galten. Die einzig bekannte italienische Partitur des Templario ist im zweiten Weltkrieg in Berlin verbrannt; erhalten hat sich lediglich eine unvollständige Partitur der von Nicolai 1845 in Wien erstellten deutschen Fassung, die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet.
Dank der gezielten Nachforschung des Autors haben sich nun aber gleich drei Abschriften der italienischen Partitur (Neapel, Biblioteca del Conservatorio San Pietro a Majella, Paris, Bibliotheque National, Lissabon, Biblioteca Nacional) sowei zahlreiche andere Quellen und Dokumente gefunden, die es ermöglichen, den komplexen Entstehungsprozess dieses Werkes minutiös zu rekonstruieren. (Eine ausführliche musikwissenschaftliche Darstellung dieses Sachverhaltes wird in Kürze erscheinen).
Anders als eine Briefstelle Nicolais zu suggerieren scheint, gibt es von dem Werk nicht nur die Turiner Urfassung von 1840 und dessen deutsche Bearbeitung von 1845; vielmehr hat Nicolai bei jeder von ihm selbst geleiteten Inszenierung an dem Werk gefeilt und Veränderungen vorgenommen. Teilweise wurden diese Veränderungen nur mit Blick auf Aufführungen in deutschsprachigen Raum vorgenommen, teilweise wurden diese aber auch in Abstimmung Nicolais mit dem Verleger Lucca in Mailand in spätere Aufführungen des italienischen Theaterraumes übernommen. Der auf der zweiten Inszenierung in Genua 1840 basierende und in vielen Bibliotheken anzutreffende Klavierauszug gibt damit eine Fassung wieder, die in späteren Inszenierungen so nicht mehr realisiert wurde.
Die nunmehr neu aufgefundenen Quellen ermöglichen zudem eine kritische Edition von Il templario. Dieses Projekt ist bei der VG Musikedition angemeldet (AZ 103777000).
Nicht weniger spannend verhält es sich mit Nicolais letzter italienischen Oper Il proscritto, die im März 1841 an der Mailänder Scala Premiere feierte, dabei aber von der Primadonna torpediert wurde, so daß es bei dieser einzigen Aufführung blieb. 1844 hat Nicolai dann in Wien unter dem Titel Die Heimkehr des Verbannten eine deutsche Fassung herausgebracht, bei der er laut eigenem Bekunden etwa die Hälfte der Oper neu komponiert habe.
Naturgemäß weckte dies die musikwissenschaftliche Neugier, beide Fassungen zu vergleichen. Allein, auch in diesem Fall war es so, daß die einzig bekannte italienische Partitur in Berlin im Krieg verbrannt ist, wohingegen die deutsche Partitur sich in Wien befindet. Ein solcher Vergleich schien jedoch möglich zu werden, als der Verfasser 1989 eine italienische Abschrift in der Bibliothek des Konservatoriums in Mailand entdeckte. Nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete vorerst jedoch die in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrte zweiten deutschsprachigen Partitur, die sich in vielen Passagen weder der Wiener noch der Mailänder Fassung zuordnen ließ.
Auch hier brachte die Auffindung bislang unbekannten Quellenmaterials die Lösung: Nicolai hat tatsächlich in Wien 1843/44 die halbe Oper neu komponiert, jedoch auch in diesem Falle bei Folgeaufführungen an dieser Fassung von Die Heimkehr des Verbannten gefeilt. Nach seinem Wechsel nach Berlin 1847 hat er dann für Berlin 1847/48 eine bislang unbekannte dritte Fassung erarbeitet, die im Herbst 1849 unter dem Titel Der Verbannte postum zur Uraufführung gelangte.
Die Unklarheiten der Berliner Partitur lösen sich dahingehend auf, daß diese eigentlich besagte dritte Berliner Fassung wiedergibt, dazwischen aber auch Seiten enthält, die frühe Fassungen von Die Heimkehr des Verbannten darstellen, die während des Bearbeitungsprozess vom Herbst 1843/44 entstanden sind, aber schon vor der Uraufführung 1844 wieder gestrichen wurden.
Insgesamt zeigt sich dabei, daß kein anderes Werk Nicolai in seinen letzten Jahren so sehr beschäftigt hat, wie Il Proscritto. Zugleich ermöglicht die Überlieferung unterschiedlicher Kompositionsstadien ein faszinierender Einblick in die Werkstadt des Komponisten, zumal dieser im Verlauf seiner acht letzten Lebensjahre seine opernästhetischen Grundpositionen teilweise neu gefaßt hat.
Eine genaue Analyse der komplexen philologischen Zusammenhänge der Überlieferung von Il Proscritto findet sich unter: M. Wittmann, Das verkannte Hauptwerk? - Zur Entstehung von Otto Nicolais Oper Il Proscritto/ Der Verbannte, in: Th. Betzwieser u.a. (Hg): Bühnenklänge. Festschrift Sieghart Döhring, München 2005.
Auch im Falle von Il Proscritto ist eine kritische Edition, die alle drei Fassungen enthalten wird, in Arbeit; auch dieses Projekt ist bei der VG Musikedition angemeldet (AZ 103720000). Die erste Wiederaufführung von Der Verbannte ist für Frühjahr 2010 vorgesehen.
Endziel aller dieser Bemühungen ist, nachdem Nicolais 150ster Todestag 1999 mehr weniger unbeachtet verstrichen ist, diesem bedeutenden Tondichter zu seinem 200sten Geburttag am 9. Juni 2010 eine würdige Ehrung in Gestalt einer Aufführung aller drei erhaltenen Opern verbunden mit einem internationalen Nicolai-Kongress zuteil werden zu lassen.
Weitergehende Anfragen von interessierten Kollegen und Theatern beantwortet der Autor gerne unter azihal[at]zedat.fu-berlin.de.
Berlin, den 17. Juni 2006 Dr. M. Wittmann
Nachtrag Oktober 2007:
Die angekündigte kritische Edition des Templario ist inzwischen abgeschlossen und wird im Frühjahr 2008 im Buchhandel erscheinen. Die erste Wiederaufführung des Templario seit hundertneunundzwanzig Jahren wird am Freitag, den 7. März 2008, am Städtischen Theater in Chemnitz über die Bühne gehen. Weiter Aufführungen sind vorgesehen für den 9. März, 21. März, 4. April, 2. Mai und 16. Juni. Eine Rundfunkübertragung der Premiere ist vorgesehen durch DeutschlandRadio Kultur; eine Veröffentlichung auf CD wird in Lauf des Jahres 2008 erfolgen.
Der Name Otto Nicolais ist praktisch synonym mit dessen 1849 uraufgeführten Oper Die lustigen Weiber von Windsor. Weniger bekannt ist, daß Nicolai auch mehrere italienische Opern geschrieben hat, von denen Il Templario (Turin 1840) nach damaligen Maßstäben einen Welterfolg darstellte und sich für mehr als 25 Jahre im internationalen Repertoire hielt.
Daß Nicolais italienische Opern heutzutage so unbekannt sind, verdankt sich dem Umstand, daß deren Partituren lange Zeit als verschollen galten. Die einzig bekannte italienische Partitur des Templario ist im zweiten Weltkrieg in Berlin verbrannt; erhalten hat sich lediglich eine unvollständige Partitur der von Nicolai 1845 in Wien erstellten deutschen Fassung, die sich in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien befindet.
Dank der gezielten Nachforschung des Autors haben sich nun aber gleich drei Abschriften der italienischen Partitur (Neapel, Biblioteca del Conservatorio San Pietro a Majella, Paris, Bibliotheque National, Lissabon, Biblioteca Nacional) sowei zahlreiche andere Quellen und Dokumente gefunden, die es ermöglichen, den komplexen Entstehungsprozess dieses Werkes minutiös zu rekonstruieren. (Eine ausführliche musikwissenschaftliche Darstellung dieses Sachverhaltes wird in Kürze erscheinen).
Anders als eine Briefstelle Nicolais zu suggerieren scheint, gibt es von dem Werk nicht nur die Turiner Urfassung von 1840 und dessen deutsche Bearbeitung von 1845; vielmehr hat Nicolai bei jeder von ihm selbst geleiteten Inszenierung an dem Werk gefeilt und Veränderungen vorgenommen. Teilweise wurden diese Veränderungen nur mit Blick auf Aufführungen in deutschsprachigen Raum vorgenommen, teilweise wurden diese aber auch in Abstimmung Nicolais mit dem Verleger Lucca in Mailand in spätere Aufführungen des italienischen Theaterraumes übernommen. Der auf der zweiten Inszenierung in Genua 1840 basierende und in vielen Bibliotheken anzutreffende Klavierauszug gibt damit eine Fassung wieder, die in späteren Inszenierungen so nicht mehr realisiert wurde.
Die nunmehr neu aufgefundenen Quellen ermöglichen zudem eine kritische Edition von Il templario. Dieses Projekt ist bei der VG Musikedition angemeldet (AZ 103777000).
Nicht weniger spannend verhält es sich mit Nicolais letzter italienischen Oper Il proscritto, die im März 1841 an der Mailänder Scala Premiere feierte, dabei aber von der Primadonna torpediert wurde, so daß es bei dieser einzigen Aufführung blieb. 1844 hat Nicolai dann in Wien unter dem Titel Die Heimkehr des Verbannten eine deutsche Fassung herausgebracht, bei der er laut eigenem Bekunden etwa die Hälfte der Oper neu komponiert habe.
Naturgemäß weckte dies die musikwissenschaftliche Neugier, beide Fassungen zu vergleichen. Allein, auch in diesem Fall war es so, daß die einzig bekannte italienische Partitur in Berlin im Krieg verbrannt ist, wohingegen die deutsche Partitur sich in Wien befindet. Ein solcher Vergleich schien jedoch möglich zu werden, als der Verfasser 1989 eine italienische Abschrift in der Bibliothek des Konservatoriums in Mailand entdeckte. Nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete vorerst jedoch die in der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrte zweiten deutschsprachigen Partitur, die sich in vielen Passagen weder der Wiener noch der Mailänder Fassung zuordnen ließ.
Auch hier brachte die Auffindung bislang unbekannten Quellenmaterials die Lösung: Nicolai hat tatsächlich in Wien 1843/44 die halbe Oper neu komponiert, jedoch auch in diesem Falle bei Folgeaufführungen an dieser Fassung von Die Heimkehr des Verbannten gefeilt. Nach seinem Wechsel nach Berlin 1847 hat er dann für Berlin 1847/48 eine bislang unbekannte dritte Fassung erarbeitet, die im Herbst 1849 unter dem Titel Der Verbannte postum zur Uraufführung gelangte.
Die Unklarheiten der Berliner Partitur lösen sich dahingehend auf, daß diese eigentlich besagte dritte Berliner Fassung wiedergibt, dazwischen aber auch Seiten enthält, die frühe Fassungen von Die Heimkehr des Verbannten darstellen, die während des Bearbeitungsprozess vom Herbst 1843/44 entstanden sind, aber schon vor der Uraufführung 1844 wieder gestrichen wurden.
Insgesamt zeigt sich dabei, daß kein anderes Werk Nicolai in seinen letzten Jahren so sehr beschäftigt hat, wie Il Proscritto. Zugleich ermöglicht die Überlieferung unterschiedlicher Kompositionsstadien ein faszinierender Einblick in die Werkstadt des Komponisten, zumal dieser im Verlauf seiner acht letzten Lebensjahre seine opernästhetischen Grundpositionen teilweise neu gefaßt hat.
Eine genaue Analyse der komplexen philologischen Zusammenhänge der Überlieferung von Il Proscritto findet sich unter: M. Wittmann, Das verkannte Hauptwerk? - Zur Entstehung von Otto Nicolais Oper Il Proscritto/ Der Verbannte, in: Th. Betzwieser u.a. (Hg): Bühnenklänge. Festschrift Sieghart Döhring, München 2005.
Auch im Falle von Il Proscritto ist eine kritische Edition, die alle drei Fassungen enthalten wird, in Arbeit; auch dieses Projekt ist bei der VG Musikedition angemeldet (AZ 103720000). Die erste Wiederaufführung von Der Verbannte ist für Frühjahr 2010 vorgesehen.
Endziel aller dieser Bemühungen ist, nachdem Nicolais 150ster Todestag 1999 mehr weniger unbeachtet verstrichen ist, diesem bedeutenden Tondichter zu seinem 200sten Geburttag am 9. Juni 2010 eine würdige Ehrung in Gestalt einer Aufführung aller drei erhaltenen Opern verbunden mit einem internationalen Nicolai-Kongress zuteil werden zu lassen.
Weitergehende Anfragen von interessierten Kollegen und Theatern beantwortet der Autor gerne unter azihal[at]zedat.fu-berlin.de.
Berlin, den 17. Juni 2006 Dr. M. Wittmann
Nachtrag Oktober 2007:
Die angekündigte kritische Edition des Templario ist inzwischen abgeschlossen und wird im Frühjahr 2008 im Buchhandel erscheinen. Die erste Wiederaufführung des Templario seit hundertneunundzwanzig Jahren wird am Freitag, den 7. März 2008, am Städtischen Theater in Chemnitz über die Bühne gehen. Weiter Aufführungen sind vorgesehen für den 9. März, 21. März, 4. April, 2. Mai und 16. Juni. Eine Rundfunkübertragung der Premiere ist vorgesehen durch DeutschlandRadio Kultur; eine Veröffentlichung auf CD wird in Lauf des Jahres 2008 erfolgen.
